Die multisensorische Stimulation bei Demenz besteht darin, der Person angenehme und dosierte Reize für Sehen, Hören, Tasten und Riechen anzubieten, meist in einer ruhigen Umgebung und mit einer Pflegekraft an ihrer Seite. Die neuesten Übersichtsarbeiten zeigen, dass sie helfen kann, Unruhe und Apathie zu verringern und die Stimmung zu verbessern, doch die Belege sind noch uneinheitlich und die Protokolle wenig standardisiert.
In diesem Artikel fassen wir zusammen, was die Forschung sagt, einschließlich ihrer Grenzen, und wie man sie in eine personenzentrierte, respektvolle Pflegepraxis übersetzt, die für alle nützlich ist, die täglich in Pflegeheimen und Tagesstätten arbeiten.
Was ist multisensorische Stimulation?
Es handelt sich um eine nicht-medikamentöse Intervention. Der Person mit Demenz wird eine Kombination sensorischer Reize angeboten (gedämpftes Licht, Musik, Gegenstände zum Anfassen, vertraute Düfte, Bilder), in einem eigenen Raum oder in einer ausgestatteten Ecke. Ziel ist nicht, etwas beizubringen, sondern Wohlbefinden, Entspannung, Kontakt und, wenn möglich, Teilhabe zu fördern.
Der bekannteste Ansatz ist Snoezelen®, das in den Siebzigerjahren in den Niederlanden für Menschen mit geistiger Behinderung entstand und später auf Senioreneinrichtungen ausgeweitet wurde. Seine Geschichte erzählen wir im Beitrag zum Snoezelenraum. Heute gibt es auch andere Programme, die sensorische Reize, kognitive Aktivitäten und Bewegung kombinieren.
Was sagt die Forschung zur multisensorischen Stimulation bei Demenz?
Die Belege haben sich im Laufe der Zeit angesammelt, und das Bild hat sich verändert. Es lohnt sich, es der Reihe nach zu betrachten.
Die ersten Übersichtsarbeiten: unzureichende Belege
Ein erster Cochrane-Review zu Snoezelen und Demenz kam zu dem Schluss, dass es keine Wirksamkeitsnachweise gab: Die beiden einbezogenen randomisierten Studien zeigten keine signifikanten Effekte auf Verhalten, Interaktion und Stimmung (Chung und Lai, Cochrane). Die wichtigste Einschränkung war die geringe Zahl an Studien.
Die späteren Übersichtsarbeiten: positive, aber schwache Signale
Eine spätere systematische Übersichtsarbeit zu 20 Studien stellte fest, dass Snoezelen und andere multisensorische Umgebungen die am häufigsten genutzten Ansätze sind, mit positiven Ergebnissen in mehreren Arbeiten. Die Autoren weisen jedoch auf eine große Variabilität bei Häufigkeit, Dauer und Anzahl der Sitzungen hin, auf wenige Nachbeobachtungen und unterschiedliche Bewertungsinstrumente. Ihr Fazit ist, dass die Belege die sensorische Stimulation bei Demenz nur schwach stützen (Pinto und Kollegen, Expert Review of Neurotherapeutics).
Die neueren Metaanalysen: Wirkung auf Unruhe, Apathie und Stimmung
Eine neuere Metaanalyse von 16 randomisierten kontrollierten Studien (974 Personen über 65 mit Demenz) ergab, dass multisensorische Stimulation Unruhe, Apathie und Depression signifikant verringert und die globale kognitive Funktion verbessert. Eine signifikante Wirkung auf Angst fand sie hingegen nicht, und die Autoren weisen auf eine erhebliche Heterogenität zwischen den Studien hin (Octary und Kollegen, Journal of Prevention of Alzheimer’s Disease).
Eine weitere neuere systematische Übersichtsarbeit zu den Studien des letzten Jahrzehnts berichtet, dass Stimulation in spezialisierten Umgebungen wie Snoezelenräumen positive Effekte auf die Stimmung hat, Unruhe verringert und Entspannung fördert. Die Autoren fordern stärker standardisierte Protokolle und den Einsatz neuer Technologien in der künftigen Forschung (Calderone und Kollegen, Biomedicines).
Zusammengefasst: Was können wir ehrlich sagen?
| Ergebnis | Was die Studien zeigen | Wie man es einordnet |
|---|---|---|
| Unruhe | Verringerung in mehreren Studien und in der neuesten Metaanalyse | Positives Signal, sehr heterogene Studien |
| Apathie | Verringerung in der neuesten Metaanalyse | Positives Signal, heterogene Studien |
| Stimmung und Depression | Kleiner, aber signifikanter Effekt | Positives Signal |
| Globale kognitive Funktion | Kleine Verbesserung | Noch zu bestätigen |
| Angst | Kein signifikanter Effekt | Unzureichende Belege |
| Langzeiteffekte | Wenige Nachbeobachtungsdaten | Unzureichende Belege |
Multisensorische Stimulation heilt Demenz nicht und hält ihren Verlauf nicht auf. Sie kann jedoch Teil eines Pflegeplans sein, der das tägliche Wohlbefinden der Person in den Mittelpunkt stellt.
Wie gestaltet man eine Sitzung zur multisensorischen Stimulation?
Aus der Fachliteratur und der Erfahrung in den Einrichtungen ergeben sich einige bewährte Vorgehensweisen.
- Die Lebensgeschichte der Person kennen: Musik aus ihrer Jugend, Orte, Berufe, vertraute Düfte. Ein persönlicher Reiz ist mehr wert als ein allgemeiner.
- Langsam beginnen: wenig Licht, ein einziger Reiz, dann gegebenenfalls ein weiterer.
- Die Signale beobachten: Lächeln, Entspannung der Hände, Blick oder aber Unruhe und Versuche aufzustehen. Wenn das Unbehagen zunimmt, wechselt man oder unterbricht.
- Kurze und regelmäßige Dauer: besser kurze und häufige Sitzungen als lange und gelegentliche.
- Anwesenheit der Pflegekraft: Die Beziehung ist Teil der Intervention, kein Beiwerk.
- Respekt und Würde: kindliche Materialien vermeiden und Inhalte anbieten, die einem Erwachsenen angemessen sind.
- Dokumentieren: angebotene Reize, Reaktionen und Befinden nach der Sitzung notieren, um mit der Zeit ein Profil zu erstellen.
Passiver oder interaktiver Raum für ältere Menschen?
Klassische multisensorische Räume sind vor allem für die Entspannung gedacht: Der Reiz wird empfangen. Für viele Menschen mit fortgeschrittener Demenz bleibt dies der passendste Ansatz.
In leichteren Stadien oder bei Menschen, die noch aktiv sind, kann eine Umgebung nützlich sein, in der eine Geste, die Stimme oder ein Gegenstand einen Klang, ein Bild oder eine Erinnerung auslöst. Die Forschungsgruppe, aus der SENSEi hervorgegangen ist, mit über 40 wissenschaftlichen Publikationen, hat vor allem mit Kindern und mit jungen Erwachsenen mit geistiger Behinderung gearbeitet. In einer sozialen Betreuungseinrichtung hat eine Studie mit 17 Teilnehmenden und 8 Fachleuten Aktivitäten untersucht, die physische Objekte und digitale Inhalte verbinden, und sie mit rein digitalen oder papierbasierten Materialien verglichen. Die Ergebnisse zeigen ein gutes Potenzial für die Interventionen und eine von den Teilnehmenden geschätzte Interaktion (Phygital interfaces, Multimedia Tools and Applications). Diese Hinweise sind auch für die Gestaltung von Aktivitäten mit älteren Menschen nützlich, doch die spezifische Forschung zur Demenz steht noch aus.
Für einen Vergleich der beiden Ansätze lesen Sie den Beitrag Interaktiver oder passiver Raum.
Was kann ein SENSEi-Raum in einem Pflegeheim oder einer Tagesstätte bieten?
Ein magischer SENSEi-Raum verwandelt einen bestehenden Saal in eine Umgebung, in der Lichter, Bilder, Klänge und Düfte über ein Tablet dosiert werden, ohne Bauarbeiten. Für ältere Menschen und für diejenigen, die sie betreuen, bedeutet das:
- vertraute Landschaften (das Meer, das Land, die Stadt von früher) mit passender Musik anbieten, die Erinnerungen und Gespräche öffnen können;
- von einer fast dunklen Umgebung ausgehen und schrittweise Reize hinzufügen, den Reaktionen der Person folgend;
- denselben Saal für Einzel- und Kleingruppenmomente nutzen;
- die durchgeführten Aktivitäten festhalten, um Beobachtungen im Team zu teilen.
Ein konkretes Beispiel kommt aus der Fondazione Sacra Famiglia in Inzago: Ein mobiler SENSEi-Wagen bringt das multisensorische Erlebnis direkt zu Erwachsenen und älteren Menschen mit Behinderung, von denen viele im Rollstuhl sitzen, mit Inhalten, die für Erwachsene gedacht sind. Es ist eine Methode, die sich auf andere Einrichtungen übertragen lässt.
Praktische Hinweise für Räume für ältere Menschen finden Sie im Beitrag zum multisensorischen Raum für ältere Menschen und Alzheimer; die Angebote für Pflegeeinrichtungen sind auf der Seite Therapie und Wohlbefinden beschrieben.
Häufige Fragen
Verbessert multisensorische Stimulation das Gedächtnis?
Eine neuere Metaanalyse hat eine kleine Verbesserung der globalen kognitiven Funktion beobachtet, doch von einer Wiederherstellung des Gedächtnisses kann man nicht sprechen. Das Hauptziel bleibt das Wohlbefinden.
Wie lange sollte eine Sitzung dauern?
Die Studien verwenden sehr unterschiedliche Zeitspannen. In der Praxis bevorzugt man kurze und regelmäßige Sitzungen, angepasst an die Belastbarkeit der Person.
Eignet sie sich für alle Stadien der Demenz?
Sie lässt sich an jedes Stadium anpassen. In fortgeschrittenen Stadien steht die Entspannung im Vordergrund; in leichten Stadien kann man aktivere Aktivitäten und Gruppenaktivitäten anbieten.
Kann sie Medikamente gegen Unruhe ersetzen?
Nein. Sie ist eine nicht-medikamentöse Intervention, die den vom Team und vom Arzt festgelegten Pflegeplan ergänzen kann.
Braucht man geschulte Pflegekräfte?
Ja. Die Qualität der Beziehung und die Fähigkeit, die Signale der Person zu deuten, zählen ebenso viel wie die Umgebung. Deshalb sieht SENSEi Schulungen für das Personal vor.
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Quellen
- Chung J. C. C., Lai C. K. Y. (2002). Snoezelen for dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews, CD003152
- Pinto J. O. et al. (2020). Sensory stimulation programs in dementia: a systematic review of methods and effectiveness. Expert Review of Neurotherapeutics
- Octary T. et al. (2025). Multisensory stimulation reduces neuropsychiatric symptoms and enhances cognitive function in older adults with dementia: a meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Prevention of Alzheimer’s Disease
- Calderone A. et al. (2025). Multisensory Stimulation in Rehabilitation of Dementia: A Systematic Review. Biomedicines
- Gelsomini M., Spitale M., Garzotto F. Phygital interfaces for people with intellectual disability: an exploratory study at a social care center. Multimedia Tools and Applications
Snoezelen® ist eine eingetragene Marke der jeweiligen Inhaber.